Der erste Wohnhausbrand

Ich war am Arbeiten, nicht beruflich zwar, aber den ganzen Tag schon am Rackern. So mag es auch einigen meiner Kameraden gegangen sein. Und wie ich gerade zum wohlverdienten Feierabend schreite und die Hand am Haustürschlüssel habe, meldet mir mein Melder einen Wohnhausbrand.

Ab ins Auto, Eile. Jetzt zählte ausnahmsweise wirklich jede Sekunde. Schließlich halten sich in der Regel Menschen in Wohngebäuden auf. Am Gerätehaus einem Kameraden fast vor das Auto gesprungen, dem erst-ausrückenden Tanklöschfahrzeug fast vor die Räder gerannt, zwei Kameraden von den Beinen gerissen und mit offener Hose auf meinen verdutzt schauenden Löschzugführer zugehechtet, hinterließ ich zwar eine Spur der Verwüstung, aber ich saß auf dem Löschfahrzeug, was gleich ausrücken würde. Nach einer halben Minute war das Fahrzeug gefüllt, wir fuhren und dröhnten und hornten durch die Landschaft. Wie Zombies, die man mit einem Knall aus ihren Nischen gelockt hatte, strömten jetzt Rentner auf die Straße, stets in die Richtung, wo das erste Fahrzeug hingefahren war und das Presslufthorn noch nachhallte. Mit einer saftigen Portion „Platz da! Aus dem Weg!“ zwischen die Hörgeräte verschafften sich Fahrer und Einheitsführer eine Gasse durch die Meute, während die Mannschaft eine Rauchwolke am Horizont suchte.

Über Funk knatterten die Befehle herein: Wir sollten als zweites Löschfahrzeug zum brennenden Bauernhof weiterfahren, während die nachrückenden Kräfte zunächst in Bereitstellung warten sollten.

Auf dem Hof: Offensichtlich nichts. Ich sah kein brennendes Gebäude, nur zwei knuffige Rauchwölkchen, die aus einem Loch im Giebel pufften. Dass sie nicht rosa waren und Schmetterlinge auf Regenbögen aus ihnen herauspurzelten, war alles. Süße Wölkchen! Nichts Großbrand… dachte ich.

Die Drehleiter ging derweil in Stellung, wir selbst hielten auf dem Grünstreifen (mitten im Schlamm und steckten für die nächsten 6 Stunden dort fest). Schon flog der nächste Befehl durch die nach Brandrauch duftende Luft: Atemschutzgeräteträger an die Front! Das war ich. Wir rüsteten uns also aus, gingen zum Tanklöschfahrzeug, das direkt hinter der nächsten Gebäudeecke stand und sahen jetzt erst die eigentliche Einsatzstelle: Kameraden hatten bereits begonnen, das Dach abzudecken, darunter quollen dicke Rauchschwaden hervor, wie man sie von brennendem Stroh her kennt.

Wir sollten für diese Trupps, die dort oben arbeiteten, zunächst den Sicherheitstrupp stellen. Das ist der Trupp, der im Notfall die Kräfte aus unseren eigenen Reihen retten sollte, die schon drinnen waren und womöglich andere Leute retteten. Die Retter der Retter also. Nachdem der eifrig mit dem Gartenschlauch löschende Hausherr aus dem Rauch gezerrt worden war, befanden sich glücklicherweise keine Personen im Gebäude. Nun galt es also nur noch, das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Leichter gesagt als getan. Plötzlich flackerten Flammen durch die Dachpfannen, ich melde dies dem Gruppenführer und antwortete den Naturgewalten mit einer Ladung Löschwasser – und bamm! – kein Wasser mehr. Die Versorgung brach ein (Hoppala!) und die Feuerwehr hatte kein Wasser mehr am Rohr. 5 Minuten dauerte es, bis die Maschinisten an der Pumpe den Druck langsam wieder anfahren und die Löscharbeiten fortgesetzt werden konnten. Gott sei Dank, dass es nicht stärker gelodert hatte währenddessen.

Dann der nächste Befehl: Druckluftflaschen anschließen, Innenangriff! Nun sorgten andere Leute für die innere Sicherheit, wie selbst sollten nun das Gebäude betreten und löschen. Wir betraten also das Dachgeschoss über eine Leiter, löschten hier und da und zogen das Stroh auseinander, das dort oben sinnigerweise als Isolierung verteilt worden war, um die darin befindlichen Glutnester abzulöschen. Danach erkundeten wir den vermuteten Brandherd von der Wohnung aus, in der bereits ein anderer Trupp die Decke einriss.

Bilanz bis hierher: Im ganzen Erdgeschoss prasselte es wie im Regenwald; alle Teppiche waren verschlammt, der halbe Dachboden lag samt Isolier-Stroh im Treppenhaus und das Dach war zu einem Viertel abgedeckt. Seit Alarmierung waren jetzt 4 Stunden um. Meine Mutter googelte derweil die durchschnittliche Dauer eines Wohnhausbrandes (weil ich mich ja schlecht von der Einsatzstelle aus melden konnte, wann ich fertig würde) und begann damit, die Zeitungen nach Todesanzeigen zu durchforsten – metaphorisch natürlich.

Schließlich hatten wir und die übrigen Trupps die Brandstelle irgendwo im Stroh entdeckt und freigelegt, vom Korb der Drehleiter aus wurde der Punkt geflutet. Im Fachjargon heißt das „ozeanischer Löscheffekt“. Aber egal, die Hauptsache war: Feuer aus. Niemand verletzt. Sachschaden angeblich nur 10.000 €.

Zum Abschluss durften fairerweise diejenigen Kameraden, die mangels Atemschutztauglichkeit die ganze Zeit kaum gearbeitet hatten, fleißig Brötchen mampfen, während die Atemschutzgeräteträger (das sind wir!), die sowieso die ganze Zeit schwerste Arbeit im Gebäude geleistet hatten, noch gut zweitausend Meter Schläuche entwässern und aufrollen durften. Juhu!

Einsatzende nach 6,5 Stunden. Fix und fertig.

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