Stell dir vor, es brennt – und keiner löscht

Ausnahmsweise heute mal etwas zum Nachdenken. Ich hätte es nicht geglaubt, bis ich es selbst erlebt habe. Es geht um die Werbebanner, besonders die Sprüche darauf, mit denen Feuerwehren und Feuerwehrverbände vielerorts versuchen, neue ehrenamtliche Mitglieder zu werben, um der immer und immer geringeren Tagesbereitschaft zu begegnen, die sich beinahe überall und immer gravierender abzeichnet. Grund dafür ist in der Regel die Zahl der Pendler. Diese arbeiten außerhalb ihres Wohnortes, an dem sie zumeist in der Feuerwehr sind, sodass sie im Alarmfall einfach nicht zur Verfügung stehen. Der Spruch auf einem solchen Werbebanner, um den es geht, lautete: „Stell dir vor, es brennt – und keiner löscht.“

Diesen Satz hatte ich öfters schon gelesen und dachte immer: „Ja, ja… stell dir vor… aber so schnell passiert das nicht.“ – und bumms! Mein erster Einsatz im neuen Jahr zeigte die Realität.

Die Alarmierung erfolgte beim Mittagessen. Das Stichwort lautete: „Amtshilfe: Tragehilfe Rettungsdienst“. Zu einem solchen Schauspiel durfte ich heute zum ersten Male los. Hier hatte der Rettungsdienst des Landkreises meine freiwillige Feuerwehr um Hilfe gebeten – und zwar um „Tragehilfe“. Das kann ein – freundlich und rücksichtsvoll ausgedrückt – unheimlich fettleibiger Mensch sein, der ohne die Hilfe der Feuerwehr und ihre Fähigkeit, Fenster, Türen, Wände oder ganze Gebäude zu beseitigen, nicht aus seiner Wohnung geholt und zu einem Arzt gebracht werden kann. Allerdings kann es sich auch einfach z. B. um eine bettlägerige Seniorin handeln, die aufgrund eines sehr engen Hausflures oder Treppenhauses nur mit einem Fallschirm aus dem Fenster geworfen werden könnte. Erfahrungen haben aber gezeigt, dass auch hier die Feuerwehr, etwa unter Zuhilfenahme einer Drehleiter, die bessere Alternative ist.

Alarmiert wurde die Tagesbereitschaft, die auch im zuletzt beschrieben Einsatz (Türöffnung) alarmiert worden war, also die Damen und Herren, die vor Ort arbeiten oder tagsüber an Werktagen sich hauptsächlich vor Ort aufhalten, um zu verhindern, dass für jeden Killefit Einsatzkräfte von Arbeitsplätzen in Nachbarstädten herangepfiffen werden müssen. Wir erinnern uns an die Tür im letzten Einsatz.

Ich kam schon spät, da ich erst Schuhe und ein Auto finden musste. Ich erwartete also, dass das erste Fahrzeug mir schon kurz vor dem Gerätehaus entgegenkommen würde. Das war nicht der Fall. Der Alarmparkplatz war fast leer, ich sah dort neben meinem nur noch einen weiteren PKW stehen. Gut, dachte ich, vielleicht sind die Leute alle zu Fuß gekommen, weil sie zum Großteil sowieso in der Nachbarschaft des Gerätehauses wohnten. Das erste Tor war auch schon oben, ich sah Bewegung neben dem ersten Fahrzeug und begrüßte dort einen Kameraden, mit dem ich meine Grundausbildung absolviert hatte. Also zog ich mich so elegant um, wie ich es selten zuvor geschafft hatte (diesmal also nicht irgendwelche Hosenträger zwischen den Beinen durchgezogen, nicht hängen geblieben, nicht hingeflogen, nicht stumpft umgekippt und Kameraden dabei von den Füßen gerissen oder sonstige Akrobatik) und joggte in das erste Fahrzeug, das noch immer stillstand.

Erste jetzt, wo ich in der Mannschaftskabine saß, verlor ich meinen Tunnelblick: Wir waren drei Mann. Und zwar drei Truppmänner. Alle drei hatten gerade eine halbwegs solide Grundqualifikation; aber wir waren keine Führungskräfte, keine Maschinisten, keine erfahrenen Kameraden, niemand mit LKW-Führerschein. Also sahen wir uns um, doch es war sonst niemand da; wir waren allein im Gerätehaus.

So nahm ich den anderen beiden die Entscheidung ab und schlug vor, das Fahrzeug zu wechseln, denn das MTF (ein VW Bulli T4) durften wir fahren. Bis wir drin saßen, verging eine halbe Minute. Bis der Motor an war, verging eine weitere. Ich übernahm den Funk, weil sonst keiner sich traute. Dann wurde sogar noch darüber diskutiert, ob Blaulicht wohl angebracht war, also nahm ich auch diese Entscheidung ab und schaltete es ein. Jetzt ging es schnell: Wir rückten aus, es kam über Funk der Einsatzabbruch nach Rückmeldung vom anderen Löschzug, wir rückten wieder ein. Ende. Wir hatten die Welt gerettet, alles war gut gegangen.

Aber erst im Nachhinein wurde mir bewusst, wie gefährlich das ganze Unterfangen war. Man stelle sich nur vor, nicht im anderen Ortsteil, sondern direkt bei uns um die Ecke hätte es an dem Tag einen Einsatz gegeben, zu dem auch die Tagesbereitschaft alarmiert worden wäre; meinetwegen eine Türöffnung wegen angedrohtem Suizid. Wir wären hoffnungslos verloren gewesen. Denn wir wären zuerst vor Ort gewesen, weil der andere Zug aus dem anderen Ortsteil eben erst hätte zu uns herüberfahren müssen. Zudem war niemand von uns dreien jemals bei einer Türöffnung in der ersten Reihe gewesen. Schließlich hätten wir ja nicht mal das benötigte Equipment für eine Türöffnung zur Einsatzstelle bringen können, weil wir das entsprechende Fahrzeug nicht hätten fahren können.

Fazit wäre dann womöglich gewesen, dass wir hilflos vor der Tür gestanden und geklingelt hätten – selbst wenn wir noch daran gedacht hätten, eine Axt von einem anderen Fahrzeug auf unseres zu laden, glaube ich nicht, dass wir eine solide Wohnungstür oder Fensterscheibe damit auf eigene Faust eingeschlagen hätten. Geblieben wäre uns nur Warten auf Verstärkung (fast 10 Minuten) oder die Nachalarmierung benachbarter Wehren (mindestens 15 Minuten).

Und wenn es nun irgendein anderer Einsatz gewesen wäre, bei dem es wirklich Zeit wird, wo es wirklich Sinn macht, dass die Feuerwehr so schnell es nur geht anrückt und eine Lebensgefahr abwendet? Was wäre dann gewesen?

Das ist nicht lustig, sondern traurig – und vor allem wahr. An der Stelle versagt das System: Freiwillige Feuerwehr funktioniert nicht ohne Freiwillige. „Stell dir vor, es brennt – und keiner löscht.“

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, bis ich selbst so kurz davorstand.

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