Der erste Brandalarm

Damals zweifelte ich an meinem Glauben. Ich war gerade ein halbes Jahr fertiger Feuerwehrmann, hatte Zeit, war motiviert, aber erst sechs Male alarmiert worden. Vier dieser Einsätze waren Fehlalarme aufgrund automatisch ausgelöster Brandmeldeanlagen, die andere zwei Einsätze waren Ölspuren. Begeisterung. Außerdem war der letzte Einsatz schon 60 Tage her! Ich und mein bester Freund, ebenfalls Feuerwehrmann in meinem Löschzug, zweifelten mittlerweile daran, ob es noch eine Leitstelle gab, die überhaupt alarmieren hätte können. Denn es passierte nichts, zwei Monate lang war in unserem Löschzug niemand alarmiert worden, tote Hose.

Dann näherte sich unser Atemschutz-Lehrgang (dazu später mehr) und wir freuten uns darauf, wenigstens dafür mal wieder in unsere Einsatzkleidung springen zu dürfen. Der Lehrgang würde am Samstagmorgen um 8 Uhr beginnen, also gingen wir früh schlafen. Aber wer hätte es ahnen können? In derselben Nacht wachten wir beide in derselben Sekunde auf, zogen uns an, so schnell wir konnten, sprangen in unsere Autos und fuhren schon um 1 Uhr morgens zum Gerätehaus. Vorfreude auf den Lehrgang? Nein. Der Melder zeigte „Brand: Person in Gefahr – Feuer im Schlafzimmer“. Meine Güte! Also fuhren wir zu unserem allerersten Brandeinsatz raus. Unser Maschinist (das ist der Fahrer des Fahrzeuges) war ähnlich angetan von der Situation, war natürlich auch er seit zwei Monaten nicht mehr im Einsatz gewesen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er morgens um eins bei null Verkehr in einem kleinen Dorf mit Dauer-Presslufthorn ziemlich genau 500 Meter weit fuhr, bevor wir vor dem Zielobjekt zum Stehen kamen.

Bilanz bis hierher? Erstens: Es brannte vermutlich in irgendeinem Schlafzimmer, wir standen vor dem Haus; und zweitens: das ganze Dorf stand mit Sicherheit senkrecht im Bett und muss wohl gedacht haben, die Feuerwehr wecke die Bevölkerung, weil das nächste Kernkraftwerk hochgegangen sei, dem Krach zufolge, den wir veranstaltet hatten.

Wichtig war jetzt aber für uns nur eines: Wir waren da, wo es brennen sollte. Ganz egal, wer wach war, denn wenn es wirklich brannte, ist es nie von Nachteil, wenn die Nachbarn gewarnt sind und die Evakuierung vorbereiten können.

Wir standen also vor dem besagten Gebäude. Nach dem Getöse der Fahrt war jetzt Stille. Das Blaulicht zuckte an den Wänden der Häuser entlang. Der Gruppenführer verließ das Fahrzeug und erkundete die Lage, wir warteten. Keine fünf Minuten, nachdem wir noch tief und fest geschlafen hatten. Ein Kamerad kurbelte das Fenster herunter: Brandgeruch! Jetzt war maximale Anspannung. Jeder ging im Kopf durch, was er zu tun hatte und lauschten in das Knistern des Funkgerätes nach einer Lagemeldung. Ausnahmsweise rechnete, vor allem nach Feststellung von Brandgeruch, keiner von uns mehr mit einem Fehlalarm.

Nachdem der Einsatzleiter vorsorglich die Hintertür des Gebäudes eingetreten hatte, stellte sich heraus, dass eine Bewohnerin die Feuerwehr aus einer Verwirrung heraus angerufen hatte. Es brannte nicht; und auch nicht im Schlafzimmer. Allgemeine Erleichterung war zu hören. Der Brandgeruch? Wahrscheinlich nur Einbildung. Der Rettungsdienst kümmerte sich um die Patientin, wir fuhren zurück. Enttäuscht war keiner. Einen Wohnungsbrand mit Personen in Gefahr braucht keiner und wünscht sich auch niemand.

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